#6 Sterbehilfe

In unserem letzten, sechsten Blogbeitrag unserer Residenz innerhalb des Rahmens von „corponomy – Politiken des Körpers in Tanz, Performance und Gesellschaft“sprechen wir über ein sehr komplexes Thema, der Sterbehilfe.

Was ist Sterbehilfe eigentlich? Wie wird Sterbehilfe innerhalb der Mehrheitgesellschaft eigentlich just diskutiert? Und müsste Sterbehilfe nicht auch innerhalb der gegenwärtigen Debatten um Care stärker thematisiert werden?

Diesen und anderen Fragen haben wir uns zusammen mit Christian Judith genähert. Christian ist ehemaliger bioethischer Sprecher der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. (ISL) ehemaliger Sprecher. Darüber hinaus hat er 2004 K Produktion gegründet, ein Unternehmen, dass sich der Inklusion, Barrierefreiheit, aber auch dem inklusiven Tanz widmet.

>Hier< zunächst ein Überblick zur derzeitigen Debatte um Sterbehilfe. Christian Judith selbst lehnt momentan, so viel sehr an dieser Stelle schon einmal verraten, die Sterbehilfe ab. Aber hört gern hier:

Die Perfomancegruppe „Markus und Markus“ hat zum Sterbehilfe erst kürzlich eine Doku-Hörspiel erarbeitet. Das könnt ihr zum Beispiel >hier< hören.

Vielen Dank Christian, für deine Zeit, das Gespräch, deine Position und die Denkanstöße!

#5 Sexualassistenz/ Sexualbegleitung

Was ist der Unterschied zwischen Sexualassistenz und Sexualbegleitung? Sollten diese evtl. gar als Teil von Care-Arbeit intensiver thematisiert werden? Ist Sexualassistenz letztlich doch nur Prostitution? Und wo werden eigentlich *Frauen (mit Behinderung) innerhalb der Debatte um beide Begriffe sichtbar?

In unserem fünften Artistic Research Talk sprechen wir mit Christian Bayerlein über diese und weitere Fragen. Christian ist Aktivist und setzt sich für die Rechte von Personen mit Behinderung, für Barrierefreiheit oder soziale Teilhabe ein. Außerdem bloggt er auf kissability zu Sexualität und Behinderung. Aber seht selbst:

[edit Steven]: In der Arte- Mediathek findet ihr aktuell übrigens den Dokumentarfilm „Because of my Body“ aus dem Jahr 2019 von Francesco Cannavà zum Thema.

#4 Die vergessene Schweigeminute 2

= Die institutionelle Gewalt an Menschen mit Behinderung =

In unserem vierten Blogbeitrag nehmen wir Bezug auf unsere performative Annäherung aus dem letzten November.

Darüber hinaus sprechen über institutionelle Gewalt an Menschen mit Behinderung, wie sie sich durch die Zeit und Strukturen durchzieht. So fragen wir, wie und wo das Gedenken an Opfer von Gewalt mit Behinderung in unserer Gesellschaft vorkommt. Steven berichtet über eigene Erfahrungen aus der eigenen Zeit in einer Behinderteneinrichtung (höre auch hier). Abschließend gehen wir auf den medialen und gesellschaftlichen Umgang mit den Ereignissen in Postdam Ende April ein und fragen uns und euch, ob wir ein Archiv für die Opfer von institutioneller Gewalt brauchen und wie wir uns ein Gedenken wünschen.

Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es Gewalt, Gewalterfahrungen, Diskriminierungserfahrungen. Bei manchen Menschen können diese Themen negative Reaktionen auslösen.

Hört rein!

#3 Blicke auf Behinderung

In unserem dritten Blogbeitrag geht es um Blicke und Bilder in Bezug auf Menschen mit Behinderung in Perfomances und Fotografie.

Darüber hinaus geben wir einen kurzen Einblick in die Forschung zur visuellen Verhandlung von Behinderung. Hierbei beziehen wir uns maßgeblich auf die Bildtheorie der Disability Studies Forscherin Rosemarie Garland Thomson. Deren 2009 erschienenes Buch „Staring: How We Look“ hat Steven mit dem Musiker Dominik Hänsel bereits im letzten Jahr versucht musikalisch zusammen zufassen. Bei Interesse gibt es „Rosemary“ > hier < zu hören.

Wie lässt sich zu den Begriffen Assistenz, Care, Hilfe sowie Pflege fotografisch arbeiten? Welche fotografischen Posen und Gesten gibt es vielleicht bereits schon zu den Begriffen? U.a. diese Fragen stellen wir sodann dem Leipziger Fotografen Tom Dachs und lassen das gemeinsame Fotoshooting vom November 2020 via Zoom Revue passieren.
Dazu seht ihr unten 4 Fotos von Tom Dachs. Vielen Dank an dieser Stelle auch nochmal!.

Was sind eure Gedanken zu den Blicken auf Behinderung, auf die Darstellungsweise und zu den von Tom gemachten Fotos von uns?

#2 Ständig Dazwischen?!

„Steven, wie ist das eigentlich mit dir und der Hilfe? Warum arbeitest Du mit mir zu den Begriffen Assistenz, Care oder Pflege? “, fragte mich Jana im November 2020 in unserer ersten Residenz am Künstler*innenhaus Mousonturm. Seitdem habe ich, Steven, Erinnerungen, Zitate, Sprüche gesammelt. Jana hat viel geordnet und lektoriert. Herausgekommen ist ein Performancekonzept mit biographischen Bezügen.

Always in Between?! – Ein Performancekonzept zu Behinderung, Care und Hilfe

Prolog – Dunkel – Hallo? Hallooo! Hier bin ich! Da! Und auch da! Hier spricht die Stimme deiner Vergangenheit, der Gegenwart, der Zukunft dies das. Ich bin die Summe all jener Stimmen, die dich wie jetzt gerade immer wieder überrollen, in denen du keinen klaren Gedanken mehr fassen kannst, alles sich in dir zusammen zieht, du nur noch Wurmsätze in die Unendlichkeit staccatoast. Ich bin hier! Hier! Nein, da! Hier!

Doch zuallererst bin ich vor allem eine Triggerwarnung: The following idea of performance includes language and scences which some one may find troubling concerning ableism, racism and sexism. After the following countdown, you have ten seconds to leave the room!“ – Stimme zählt zur Telefonwarteschleifenmusik der Agentur für Arbeit. – 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1, 0.

Abbild. #1 (Solbrig)

1 – Spot auf Steven, liegt in Embryonalstellung mit gefalteten Händen in einem Marsmännchenkostüm (siehe Abbild. #1) – Ich, ich bin die Stimme aller deiner jemals gehörten Stimmen; die, die dich berührten, dich streichelten, behüten wollten, die dich umarmten, hielten, fest. Ich, ich bin die Stimmen der Diagnosen, vor und nach der Wende, Widersprüche, Abschiedswünsche jahrelanger Gruppentherapien oder Floskeln aus Kündigungsschreiben. – Steven steht auf und steckt beide Hände in die Taschen der Turnhose – Ich, ich bin der Blick in den Spiegel, die angehäuften Zweifel, alt gewordene Komplexe, Stimmen, Alpträume, der ewig nachklingende Glückskeksspruch, dieses – flüsterndes Echo – „ Es gibt Schlimmeres!“. – Steven geht zur Bühnenmitte und beginnt mit Kreide erst eine 0 und dann in dieser eine 1 zu zeichnen (siehe Abbild. #2) – Einsen, Nullen. Ostdeutsch oder westdeutsch? Nullen und Einsen. Behindert oder nichtbehindert? Null und … männlich oder unmännlich? – So läufst du nun schon eine zeiltlang Slalom zwischen Einsen und Nullen, im Zwischenraum der Non-Binarität, in den schwarzen Löchern der Binarität. Hauptsache ist, dass du dabei du selbst bleibst. – Stimme verstummt. Steven geht auf den ersten Cue der Kreidezeichung – Song von der Woody Guthrie Family „Put Your Finger In The Air“ beginnt, Steven dreht mit gehobenen Armen und Daumen erste Runden (siehe Abbild. #3) bis Ende des ersten Refrains. Song verstummt –

Abbild. #2
Abbild. #3

1. -Stimme beginnt erneut – Am Anfang von allem war die Hand. – Ich bleibe stets bei dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.“ – Steven winkt mit der rechten Hand kurz dem Publikum und geht dann weiter – „Hand, die, Substantiv, feminin. Im Verständnis bestimmter Traditionen bezeichnet die Hand des Menschen sein Werkzeug, sein vielseitiges Ausdrucksmittel und steht für die gesamte Person.“„Dem Dieb und der Diebin hackt die Hände ab, als Vergeltung für ihre Tat und als abschreckende Strafe Gottes!“ -„Auch das Hebräische besitzt mehrere Bezeichnungen für Hand: jāmîn,meint damit weitestgehend die rechte Hand.“ – “Esst mit der rechten Hand, trinkt mit der rechten Hand, nehmt mit der rechten Hand und gebt mit der rechten Hand, denn der Satan isst mit der linken Hand.“– Steven geht aus der skizzierten Route ins Publikum und begrüßt dieses mit der linken Hand. – „Ja, esst mit der rechten Hand, trinkt mit der rechten Hand, nehmt mit der rechten Hand und gebt mit der rechten Hand.“ – Steven beendet das Händeschütteln, geht wieder auf die Bühne und läuft weiter auf der gezeichneten Strecke –

2 -„Ich bleibe stets bei dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.“- „‚Bist Du dir sicher, dass du so ein Kind großziehen willst? Das hat es einmal schwer‘“, hat sie gesagt und dann all die Unterstellungen, dass ich während der Schwangerschaft Tabletten genommen oder dich abgebunden hätte… Weißt du wie sich das anfühlt sowas zu hören? Ich wollte doch nur ein Kind, das genauso gesund ist wie alle anderen auch.“ -1986, Diagnose der Gesamtbegutachtung der DDR-Kreisjugendärztin: „Angeborene Anomalie, Fehlen der Digiti 2-5 rechts, Daumen angelegt. Greifbewegungen im Rahmen des Möglichen, bisher nach Aussagen der Eltern normale Entwicklung, Besuch einer Normalkrippe weiterhin empfohlen. Hinweis für welche Arbeiten und evtl. unter welchen Arbeitsbedingungen Arbeitsfähigkeit besteht: Stufe III, schwerbeschädigt“ – „Lutsche nicht am Daumen mehr; denn der Schneider mit der Scher‘; kommt sonst ganz geschwind daher“. – „Daumenlutscher! Daumenlutscher!“ – „Ob du behindert bist, habe ich dich gefragt?“„Der war‘n Schmucker im Kindergarten, ziemlich schüchtern mit seiner kleinen Hand, immer sehr höflich. Oft haben die größeren Kinder ihn auf dem Spielplatz mit Sand beschmissen. Ich habe dann immer zu ihm gesagt: ‘Mach dir nichts draus, Kleener! Du bist auch nicht anders als die anderen.“ – „Guten Morgen, Klasse 4a! Willkommen zum neuen Schuljahr! Ich möchte euch euren neuen Mitschüler vorstellen. – Wie ihr seht ist er behindert (…). Doch es gibt Kinder, die sind viel mehr behindert als er. Nun begrüßt ihn ganz herzlich und helft ihm ein bisschen, wenn ihr seht, dass er Hilfe braucht.“-„Krümmung der Wirbelsäule, Beweglichkeit des rechten Armes beeinträchtigt, kann den Anforderungen gegenüber Gleichaltrigen‘ nicht gerecht werden.“ – „Sehr geehrte Damen und Herren, bezugnehmend auf Ihr Schreiben vom 06. Januar 1993 möchte ich hiermit Widerspruch einlegen. Mit diesem Bescheid wurde unser Sohn auf 40 Grad der Behinderung heruntergestuft. Ihre Begründung: ‚Bei dem Behinderten besteht eine Körperbehinderung, die zu einer äußerlich erkennbaren dauernden körperlichen Beweglichkeit geführt hat mit einem ‚Ja‘ von Ihnen angekreuzt. Anderseits kreuzten Sie jedoch den Punkt: ‚Der Behinderte ist infolge der Behinderung ständig hilflos, dass er nicht ohne fremde Wartung und Pflege bestehen kann‘, mit einem ‚Nein‘ an. Ist in diesen 2 Punkten nicht ein Widerspruch zu erkennen? Denn mein Sohn kann z.B. keine Schleife ‚ohne fremde Hilfe‘ binden. Es können z.B. ‚ohne fremde Hilfe‘ keine Fingernägel geschnitten werden. Außerdem kann ich ihn nie mit dem Fahrrad am Straßenverkehr teilnehmen lassen. Viele für uns einfache Dinge des täglichen Lebens wie z.B. Verschlüsse an Flaschen, Marmeladengläsern usw. bekommt er ohne ‚fremde Hilfe‘ nicht auf. Selbst bei Reißverschlüssen in Anoraks muss ihm zu Hause und sogar in der Schule geholfen werden. Er kann z. B. kein Fleisch wie Kotelett oder Kartoffeln beim Essen nicht schneiden. Wenn unser Sohn mal auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist und diese wie immer überfüllt sind. Wie lange kann er sich nach Ihrer Meinung nach, mit ‚einer Hand‘ festhalten?“ – „Ihr Widerspruch wird – soweit ihm nicht abgeholfen wurde – zurückgewiesen. Begründung: Mit den angefochtenen Bescheiden ist entschieden worden, dass die bei Ihrem Sohn festgestellten Behinderungen einen Grad der Behinderung von 40 bedingen und deshalb eine Ausweis nach Paragraph 4 Abs. 5 des Schwerbehindertengesetzes über die Schwerbehinderteneigenschaft nicht ausgestellt werden kann. Ferner ist entschieden worden, dass Hilflosigkeit nicht festgestellt werden kann.“ – „(..) Ohne fremde Hilfe“, „ohne fremde (…)“, „ohne (…)“, „(…) Hilfe“. – „Wie ihr seht ist er behindert (…). Doch es gibt Kinder, die sind viel mehr behindert als er.“ – „So einen wie dich hätte man früher vergast.“ – „Ich mag dich, aber ich möchte nicht mit dir gehen. Ich habe einfach Angst, das unsere Kinder später einmal genauso werden wie du.“ „Ja ja, du Schwuchtel, kannst dir mit der Rechten noch nicht einmal einen runterholen“ – „Du machst es dir auch immer selber schwer.“ – “ Der rastlose Wolf“ –Steven läuft weiter, steckt sich beim Laufen die rechte Hand komplett in den Mund

3 – „§2 Pflichten des Berufsbildungswerkes: Das Berufsbildungswerk hat dafür zu sorgen, dass der Rehabilitand in seiner Persönlichkeit ganzheitlich gefördert sowie körperlich nicht gefährdet wird. (…) §3 Pflichten des Rehabilitanden: Der Rehabilitand hat sich zu bemühen, bei einer Internatsunterbringung im Berufsbildungswerk sich der Internatsordnung zu fügen.“ – „Alter hast du gehört? Letzte Nacht hat sich René aus dem Fenster geschmissen.“ – „Kein Vorwurf trifft den Blinden, noch trifft ein Vorwurf den Lahmen, kein Vorwurf trifft den Kranken oder euch selbst.“ – „Ich bleibe stets bei dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.“ – „Ehrlich gesagt habe ich das mit deiner Hand erst nach unserem zweiten Date im Bett gemerkt. Ich hab mich halt dann nicht mehr getraut dich danach zu fragen.“ – „Ich liebe dich, wirklich. Doch da ist etwas nicht Ordnung, irgendwas stimmt da bei dir nicht.“ – Steven läuft weiter, zieht sich die Hand wieder aus dem Mund. – „Du profilierst dich doch nur über deine Behinderung, um anderen Menschen, die nicht behindert sind, zu diffamieren.“- „Du Pussy!“ – „Wir sind nicht so behindert wie andere…“ – „(…)Hiermit kündige ich den mit Ihnen am geschlossen befristeten Arbeitsvertrag […]. Die Gründe für die Kündigung haben wir Ihnen bereits im persönlichen Gespräch mitgeteilt.“ – „Du profilierst dich doch nur über deine Behinderung, um andere Menschen, die nicht behindert sind, zu diffamieren.“ – „Die ganzen Jahre in unserer Freundschaft war das kein Thema und jetzt kommst du plötzlich damit um die Ecke?“- – Steven läuft weiter, steckt sich beim Laufen die rechte Hand komplett in den Mund – „Ferner ist entschieden worden, dass Hilflosigkeit nicht festgestellt werden kann.“ – „Manchmal weiß ich echt nicht, wie man dir noch helfen kann.“ – „(…) Auf Ihrem am 11. Juni eingegangenen Antrag ergeht folgender Feststellungsbescheid nach § 152 Neuntes Buch – Sozialgesetzbuch: Die Voraussetzungen für die Ausstellung eines Schwerbehindertenausweis sind erfüllt.“ – „Ein Behindertenausweis? Das ist doch eher ein Stigma, oder nicht?“ – „Ach komm‘ schon, er hat doch ständig was. Und jetzt ist er auch noch behindert?“ – „Wenn wir während der Schwangerschaft mit deinem Bruder gemerkt hätten, dass Gefahr bestanden hätte, dass er vielleicht das Gleiche bekommen hätte, dann hätten wir uns das noch einmal überlegt. Nach allem was wir mit dir erlebt haben…“ – „Ich hätte dir meinen kleinen Finger gegeben, hätte das etwas besser gemacht. – „Ich liebe dich wirklich!“ – Ich, ich bin der Blick in den Spiegel, die angehäuften Zweifel, alt gewordene Komplexe, Stimmen, Alpträume, der ewig nachklingende Glückskeksspruch, dieses – flüsterndes Echo – „ Es gibt Schlimmeres!“ – „Doch es gibt Kinder, die sind viel mehr behindert als er. Darum begrüßt ihn ganz herzlich und helft ihm ein bisschen, wenn ihr seht, dass er Hilfe braucht.“ – „Ob du behindert bist, habe ich dich gefragt?“ – „Ferner ist entschieden worden, dass Hilflosigkeit nicht festgestellt werden kann.„(..) Ohne fremde Hilfe“, ohne fremde Hilfe, ohne fremde […], ohne […], (…) Hilfe“. – „Zeige deine Wunde!“ – „Mach mich nich an, du alter weißer Mann! – Stimme stoppt – Steven geht zum Bühnenrand, holt sich eine Gitarre und spielt die Melodie von „Put Your Finger in the Air“, geht wieder auf der Markierung: „Put your finger in the air, in the air; Put your finger in the air, in the air; Put your finger in the air .“ –

(Solbrig)

#1 Was, wer, wieso und wie viel(e)? – Blond and Stevil are back

Halllllllo! Wir haben uns mühsam aus der Pandemie-Müdigkeit gegraben und zeigen uns noch etwas verschlafen in unserem ersten Videobeitrag dieses Jahres.

In dem erwartet euch ein kleiner Rückblick auf das was war und das was von uns auf diesen Blog bis Ende Juni kommen wird, also im Rahmen von „corponomy – Politiken des Körpers in Tanz, Performance und Gesellschaft“, einem Projekt des Künstler*innenhaus Mousonturm.

So versuchen wir anhand Marc Quinns „Alison Lapper Pregnant“ die Quintessenz an Erkenntnis unserer bisherigen Arbeit zu Assistenz, Care etc. zu verdeutlichen.

Vor allem sprechen wir aber mit dem Tauben Performer Okan Seese über Musik, Audismus, aesthetics of access und kulturelle Aneignung.

Im Vorgespräch hat uns Okan übrigens verraten, dass er die Selbstbezeichnung "Gebärdensprachler" am passendsten findet.

Hier könnt ihr seinen Song „I‘m sending you away“ sehen und hören.

Danke an Tanja Lilienblum-Steck für die Gebärdensprachdolmetschung!

Vielen Dank auch nochmal an dieser Stelle für das spannende Gespräch, Okan und dass wir auch noch locker ein paar Stunden länger hätten führen mögen.

Und ihr so? Wir freuen uns über Kommentare, Anregungen, Kritik! 



#takeaction – wir werden 1 Stück

Bonjour Welt!

Gerade sinnieren wir noch über unsere Forschungsresidenz bezüglich Begriffen wie Assistenz, Care oder Hilfe aus der Perspektive von Menschen mit Behinderung bzw. ob wir das Thema really wirklich jetzt performativ auf die Bühne bringen wollen, wenn dieses doch – gerade in diesen unseren Zeiten – auch uns echt nah geht, da flattert schwuppsdiefidibus ein Brief vom Fonds Darstellende Künste bei uns rein: Ey 2021, wir arbeiten dann einmal so ganz offiziell an unserem ersten gemeinsamen Stück, produziert von Un-Label #takeaction! Und es gibt wohl sogar schon ein Datum für die Premiere im Kölner Robolab, aber #nopressure .

Deshalb wird in Kooperation mit dem Künstler:innenhaus Mousonturm aus unserem „Forschungstagebuch“ ein Konzeptionstagebuch, auf dem wir z.B. zu für uns offen gebliebenden Fragen und Themen schreiben sowie den Prozess der Stückkonzeption dokumentieren werden.

An dieser Stelle sei gedankt, Leander, Nele, Maxi vom Mousonturm für die geschenkte Zeit, für die offenen Ohren, Friedrich für den wunderbaren Raum, Lisette/ Un-Label bei der Antragsstellung, dem Fonds Darstellende Künste, all den Menschen, die uns auf den verschiedensten Wegen im letzten Monat unterstützt haben!

Foto von Tom Dachs!

Die vergessene Schweigeminute?

Am Freitag den 11.12. war er, der letzte Tag unserer Forschungsresidenz. An diesem besuchte uns die „Servicestelle Inklusion im Kulturbereich“ des Landesverbandes Soziokultur Sachsen. Denn die arbeitet gerade an der Sichtbarmachung von Künstler:innen und Kulturakteur:innen mit Behinderung im sächsichen Kulturbereich.

In Anbetracht der aktuellen drastischen Situation aufgrund von Covid 19, besonders in Unterkünften wie bspw. Alten- Pflege- und Behindertenheimen, haben wir in unserer letzten Residenzwoche an einer ersten Szene gearbeitet, die nach sozialdarwinistischen und ableistischen Kontinuitäten innerhalb Deutschland sucht.

Unter dem Arbeitstitel „Die Vergessene Schweigeminute“ haben wir theatralisch und performativ nach Wegen gesucht an all jene Menschen zu erinnern, die von der Mehrheitsgesellschaft als bspw. „alt“, „krank“ oder „behindert“ kategoriesiert wurden/werden und so über die Zeiten hinweg aufgrund struktureller Gewalt zu Tode (ge)kommen (sind). All jene, die bspw. in der NS-Zeit umkamen, deren Namen wir noch immer kaum kennen sowie denen, die in der aktuellen Berichterstattung ohne Gesicht, nur als Zahl auftauchen und so medial unter dem Teppich gekehrt werden.

Deshalb sagen wir auch oder gerade in Krisenzeiten:

No Ableism! No Ageism! No Fatphobia! No Homophobia! No Racism! No Sexism! No Transphobia! No Hatefulness!

Assistenz – Inspiration Porn, Solidarität und Schuldgefühle?

(J)e privater/intimer es wird mit dem Wunsch nach Hilfe, um so schwieriger wird es für mich, die ich alles organisiere (…). Das persönliche Budget ist mir ein Brief mit sieben Siegeln. Da der Alltag genug Kraft kostet, habe ich mich bis jetzt nicht drum gekümmert. Andererseits hat jeder mit sich zu tun und so fällt es mir schwer, jemanden von Freunden, Verwandten um Hilfe zu bitten. Ich träume andererseits davon, dass ich ohne schlechtes Gewissen jemanden einspannen kann, beim Aufräumen des Chaos und auch darauf vertrauen kann, dass die Schweigepflicht gilt. Chemie stimmen soll auch. Privat bezahlen….etwas schwierig….zur Not machbar für einige Zeit. Ansonsten sag ich immer, die Pflegerin wünscht sich Distanz, die Ehefrau wünscht sich Nähe… (anonymisierter Facebook- Kommentar zu unserem Aufruf (25.11.2020))

Mehr als 20 Personen haben sich innerhalb der letzten zwei Wochen auf unseren Interviewaufruf u.a. zu den unterschiedlichen Hilfsbeziehungen oder ihren Rollen in puncto Assistenz gemeldet. Bisher haben wir zehn Personen interviewt:

Während manche Assistenz in diesem Berufsfeld arbeitet, weil sie so einen Einblick in eine ihr andere Lebenswelt bekommt, wollen andere etwas Gutes tun, damit sich ein anderer Mensch freut.
Bei anderen hinterlassen solche Positionen einen Beigeschmack von Inspiration Porn und Paternalismus.

Innerhalb der 24 Stunden- Assistenz fragen sich manche Assistenznehmer:innen, wann sie eigentlich einmal Feierabend haben. Wieder andere sehen in Assistenz ein freundschaftliches Verhältnis, in dem Arbeit und Freizeit in einander übergehen und die Leben miteinander zu teilen eine Selbstverständlichkeit wird.

Darüber hinaus fragen wir uns: Kann :mensch eigentlich noch von persönlicher Assistenz sprechen, wenn die Assistenz nicht direkt bei den eigentlichen Assistenznehmer:innen angestellt ist, sondern bei den Eltern? Welche neuen Beziehungskonstellationen und Loyalitätskonflikte können durch dieses Assistenzverhältnis entstehen?
Und wo kommen die Schuldgefühle und das schlechte Gewissen her, wenn :mensch bspw. im Haushalt um Unterstützung bitten muss?

Spannend und wichtig für uns, war auch der Exkurs in die sogenannten „Behindertenhilfe“ der ehemaligen DDR, eine Perspektive, die in der bundesdeutschen Debatte zur Dimension Behinderung oft fehlt.

Einig waren sich alle Interviewpartner:innen: Die Assistenz ist dem Heim vorzuziehen. Außerdem scheint ein allgemein gültiges Regularium von Assistenzbeziehungen nicht erstrebenswert, weil in diesen stets Individuen mit unterschiedlichen Perspektiven, Bedürfnissen und Lebensentwürfen zusammenkommen.

Wir bedanken uns an dieser Stelle recht herzlich bei allen Interviewteilnehmenden für ihre Zeit und Offenheit!

Was haben wir jetzt mit all den gesammelten Stimmen vor? Wir werden nochmals in eine tiefergehende Auswertung gehen. Denn geplant ist, dass wir einige der Positionen in unserem angedachten Stück selbst zu Wort kommen lassen werden.

Stevil und Blond – verpixtelt zu hören –

Wir wollen eure „besten“ Amtszitate

Hallo!!!!

Wir leben bekanntlich in einem sogenannten „Sozialstaat“ in welchem „Hilfe“ von Amts wegen bewilligt oder abgelehnt wird. Gerade Menschen mit Behinderung kennen die blumigen Auswüchse im Dschungel der Bescheide von KSV, LVR, Sozialamt etc. Aber auch Ämter wie z. b. das Jobcenter, die Arbeitsagentur und das Bundesamt für Migration finden immer wieder interessante Formulierungen. Und hier folgt unsere Bitte an euch: Schickt uns die besten Zitate aus all euren Bescheiden, Anträgen etc. an diese Emailadresse 👉 Jana.zoell@gmx.de.

Hier der Text zu unserem Kehrreim-Aufruf:

bist du behindert /oder bist du von behinderung bedroht/
disst dich die mehrheitsgesellschaft/ wär‘ ich du, wär‘ ich lieber tot/
dealt der endboss amt deinen bescheid/
die maßnahmen zur gliederung/ bemessen an deiner erwerbsfähigkeit trägerübergreifend persönliches budget /oh yeah!

und durch amtsgänge schallt/
progressionsvorbehalt!
sgb, bthg/ icf und itp
yo fanta 4/ mfg
trägerübergreifend persönliches budget

es grüßt recht freundlich/und zweifelsohne
ihre eingangszone

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