Assistenz – Inspiration Porn, Solidarität und Schuldgefühle?

(J)e privater/intimer es wird mit dem Wunsch nach Hilfe, um so schwieriger wird es für mich, die ich alles organisiere (…). Das persönliche Budget ist mir ein Brief mit sieben Siegeln. Da der Alltag genug Kraft kostet, habe ich mich bis jetzt nicht drum gekümmert. Andererseits hat jeder mit sich zu tun und so fällt es mir schwer, jemanden von Freunden, Verwandten um Hilfe zu bitten. Ich träume andererseits davon, dass ich ohne schlechtes Gewissen jemanden einspannen kann, beim Aufräumen des Chaos und auch darauf vertrauen kann, dass die Schweigepflicht gilt. Chemie stimmen soll auch. Privat bezahlen….etwas schwierig….zur Not machbar für einige Zeit. Ansonsten sag ich immer, die Pflegerin wünscht sich Distanz, die Ehefrau wünscht sich Nähe… (anonymisierter Facebook- Kommentar zu unserem Aufruf (25.11.2020))

Mehr als 20 Personen haben sich innerhalb der letzten zwei Wochen auf unseren Interviewaufruf u.a. zu den unterschiedlichen Hilfsbeziehungen oder ihren Rollen in puncto Assistenz gemeldet. Bisher haben wir zehn Personen interviewt:

Während manche Assistenz in diesem Berufsfeld arbeitet, weil sie so einen Einblick in eine ihr andere Lebenswelt bekommt, wollen andere etwas Gutes tun, damit sich ein anderer Mensch freut.
Bei anderen hinterlassen solche Positionen einen Beigeschmack von Inspiration Porn und Paternalismus.

Innerhalb der 24 Stunden- Assistenz fragen sich manche Assistenznehmer:innen, wann sie eigentlich einmal Feierabend haben. Wieder andere sehen in Assistenz ein freundschaftliches Verhältnis, in dem Arbeit und Freizeit in einander übergehen und die Leben miteinander zu teilen eine Selbstverständlichkeit wird.

Darüber hinaus fragen wir uns: Kann :mensch eigentlich noch von persönlicher Assistenz sprechen, wenn die Assistenz nicht direkt bei den eigentlichen Assistenznehmer:innen angestellt ist, sondern bei den Eltern? Welche neuen Beziehungskonstellationen und Loyalitätskonflikte können durch dieses Assistenzverhältnis entstehen?
Und wo kommen die Schuldgefühle und das schlechte Gewissen her, wenn :mensch bspw. im Haushalt um Unterstützung bitten muss?

Spannend und wichtig für uns, war auch der Exkurs in die sogenannten „Behindertenhilfe“ der ehemaligen DDR, eine Perspektive, die in der bundesdeutschen Debatte zur Dimension Behinderung oft fehlt.

Einig waren sich alle Interviewpartner:innen: Die Assistenz ist dem Heim vorzuziehen. Außerdem scheint ein allgemein gültiges Regularium von Assistenzbeziehungen nicht erstrebenswert, weil in diesen stets Individuen mit unterschiedlichen Perspektiven, Bedürfnissen und Lebensentwürfen zusammenkommen.

Wir bedanken uns an dieser Stelle recht herzlich bei allen Interviewteilnehmenden für ihre Zeit und Offenheit!

Was haben wir jetzt mit all den gesammelten Stimmen vor? Wir werden nochmals in eine tiefergehende Auswertung gehen. Denn geplant ist, dass wir einige der Positionen in unserem angedachten Stück selbst zu Wort kommen lassen werden.

Stevil und Blond – verpixtelt zu hören –

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website auf WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: